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Inhaltsverzeichnis 1 Einleitung 2 Geographie Afghanistans 3 Wirtschaft Afghanistans 3.1 Die industrielle Entwicklung 4 Gesellschaft und Kultur Afghanistans 4.1 Ethnische Gruppen 4.2 Familie 4.3 Bildung 4.4 Schulbildung und Berufstätigkeit bei Frauen 4.5 Afghanische Frauenorganisationen 5 Die Reformen von König Amanullah Khan (fehlt) 5.1 Entwicklungsplanung und sozio-
kultureller Wandel (fehlt) 6 Der islamische Einfluss (fehlt) 7 Geschichte und Politik Afghanistans seit seiner Entstehung 8 Das 19. Jahrhundert Die drei britisch – afghanischen Kriege 9 Das 20. Jahrhundert Der sowjetisch-afghanische Krieg 10 Die Taliban – Herrschaft: “Im Dienste einer fremden Macht“ Referenzen Vorbemerkungen Abbildungsverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis Literaturverzeichnis
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1 Einleitung
Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Thema „Das Land der
Taliban? Geschichte, Politik, Gesellschaft und Kultur Afghanistans.“ Ziel ist es, kulturelle, gesellschaftliche, politische als auch geschichtlich–historische
Zusammenhänge des Landes zu erarbeiten, um das Verständnis für die aktuelle politische und gesell- schaftliche Situation in Afghanistan
herzustellen. Das Kernstück der Arbeit beleuchtet neben der geographischen Lage des Landes und im Hinblick auf die industrielle Entwicklung und die
Bildungsmöglichkeiten in Afghanistan, die Reformen verschiedener Herrscherpersönlichkeiten wie König Amanullah Khan. Ein kleiner Exkurs soll
vor allem die gesellschaftliche Lage der Frauen und ihre Lebens- bedingungen während des 20. Jahrhunderts aufzeigen. Die Unterschiede in den
verschiedenen Ethnien der afghanischen Bevölkerung finden sich ebenso in den historischen Ereignissen der Geschichte Afghanistans wieder, die in den
darauf- folgenden Kapiteln erarbeitet worden sind. Ein weiteres zentrales Thema sind die Ausarbeitungen der politischen Mächte Afghanistans seit
dem britisch-afghanischen und dem sowjetisch-afghanischen Krieg im 20. Jahrhundert. Unter besonderer Analyse steht die Entstehung, die Ziele und
die politische und undurchsichtige Struktur des Taliban–Regimes, die das Land Afghanistan im 21. Jahrhundert als unabhängigen Staat in das
weltpolitische Spannungsfeld gebracht hat.
2 Geographie Afghanistans
Afghanistan ist ein Binnenland in den Bergen Mittelasiens, dass im Südosten
an Pakistan und im Westen an den Iran grenzt. Hinter seiner Nordgrenze liegen Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan und im Nordosten, am
Rande des schmalen Vakhan-Koridors, liegt China. Afghanistan gehört mit einer Fläche von 650 000 km2 zu den neungrößten Staaten Asiens.1 Der
Hindukush und die benachbarten Gebirgsketten nehmen das östliche und das mittlere Afghanistan ein, welche eine sehr felsige Region mit häufigen
Erdbeben ist. Der größte Teil der Bevölkerung lebt in bewässerten Tälern am Rande der Berge, besonders in dem fruchtbaren Tal des Kabul-Flusses im
Südosten, nach dem die Hauptstadt Kabul benannt ist. Die nördlichen Flussebenen des Amu-Darja sind fruchtbar und dicht besiedelt. Südlich der
Berge werden die Wüsten und Salzebenen des breiteren südlichen Hochlandes spärlich von Flüssen aus dem Hindukush bewässert.2
In Afghanistan herrscht eine karge Vegetation, die die meisten Landesteile
bestimmt. Der Süden und der Südwesten sind sehr trocken, außerdem werden sie von genügsamen Gräsern und Büschen wie der
Salzsteppenstrauch dominiert. Es herrscht im Zentralafghanischen Bergland Steppenvegetation. Die häufigsten vorkommenden Arten sind Eichen, Kiefern,
Fichten, Tannen und entlang den Flüssen wachsen vereinzelt Auwälder, die vor allem aus Pappeln, Weiden und Tamarisken bestehen. Im Hochgebirge
von Afghanistan leben Schneeleoparden und Schraubenziegen. Im äußersten Nordwesten kommt das Marco-Polo-Schaf vor. Der Kaspitiger, der früher im
Nordiran vorkam, ist ausgestorben. In den Steppen sind Gazellen, Hyänen und Schakale weit verbreitet.3
3 Die Wirtschaft
Die Wirtschaft von Afghanistan bestand anfangs vorwiegend aus der
Wanderviehzucht. Außerdem werden in den Tälern Getreide, Weizen, Mais, Reis, Baumwolle und Feigen angebaut.4 Das Land ist reich an
Bodenschätzen wie zum Beispiel Kohle, Silber, Gold, Eisen, Edelsteine, Blei, Erdgas, Beryllium, Schwefel, Chrom und Kupfer.5 Ihre Ausfuhr tätigt sie
durch Früchte, Erdgas, Häute, Teppiche, Wolle, Fette und Nüsse.6 Durch die Herrschaft der Taliban florierte die Landwirtschaft in den letzten Jahren durch
den Opiumanbau, weil die Taliban durch illegalen Opiumanbau ihre Finanzen aufbesserten.
Das Klima von Afghanistan ist sehr extrem. Der Winter sehr kalt und der
Sommer verläuft sehr heiß.
3.1 Die industrielle Entwicklung
Die Industrialisierung in Afghanistan wurde durch mehrere und
unterschiedliche Entwicklungsstufen geprägt. Bereits im 19. Jahrhundert wurde die industrielle Entwicklung durch das Ausland beeinflusst, zumal es in
Afghanistan keine Möglichkeit gab, selbständig ein Handwerkswesen zu konstruieren. Zu diesem Zweck wurde auf die Hilfe von indischen und
britischen Fachleuten gesetzt, um im Land eine staatliche Manufaktur auszuarbeiten. Durch Emir Abdur Rahmans Leitung (1880-1901) wurde die
erste Manufaktur in Afghanistan geschaffen, jedoch ohne Dampfmaschinen und ohne elektrische Energie.7 Im Jahr 1887 wurde für die afghanische
Armee mit dem Bau einer Waffen - und Munitionsfabrik begonnen. Außerdem folgte im selben Jahr die Gründung einer Leder - und Schuhfabrik. In der
ersten Phase der industriellen Entwicklung wollte man die Eigenversorgung im Land verstärken. Der damalige Staatsoberhaupt Habibullah trieb die
technische und soziale Infrastruktur sehr voran. In den Jahren zwischen 1912 bis 1917 wurde unter amerikanischer Führung in Jabal us Seraj, das 80 km
nördlich von Kabul liegt, ein Wasserkraftwerk entwickelt.8 Während König Amanullahs Regierungszeit (1919-1929) wurde die Industrialisierung in
Afghanistan, bis auf die Gründung einer Streichholzfabrik, nicht besonders berücksichtigt, da er mit seinen Reformen in der Innenpolitik und mit den
Konservativen sehr beschäftigt war. 1932 ging es wieder voran, indem die “Bank-e-Melli-e Afghan”, eine afghanische Nationalbank geschaffen wurde.9
Durch die Gründung der Bank wurde die Industrialisierung in Afghanistan angekurbelt, weil Kredite an bereitwillige Interessenten gegeben werden
konnte, die für den Kauf oder einer Verpachtung von Staatsfabriken in Frage kamen. Demnach standen nun die Leder - und Streichholzfabrik in Kabul und
die Textilfabrik in Jabal us Seraj unter der Leitung von privaten Geschäftsleuten. Die afghanische Nationalbank trug dazu bei, dass auch
außerhalb von Kabul ein Industrienetz entstehen konnte. Diese Entwicklung führte dazu, dass in Kunduz eine Baumwollentkernungsanlage, eine
Wollfabrik in Kandahar, ein Textilwerk in Pul-e Khumri und eine Stein – und Holzbearbeitungsfabrik in Kabul gegründet werden konnte.10 Trotz dieser
Entwicklung war die afghanische Infrastruktur noch instabil. Infolgedessen hatte der Staat Afghanistan nur vier Kraftwerke bestehend aus einer Kapazität
von 12 000 kW. Die damals existierenden 3 000 Lastwagen und 1 500 Personenkraftwagen mussten sich mit der 3 000 km langen Autostraße
zufrieden geben.11 Darüber hinaus gab es keine Möglichkeit, eine Flugverbindung weder ins Ausland und noch ins Inland aufzunehmen.
Weiterhin bestand das Telefonnetz, dass nur dem Staat dienlich war, aus einer Länge von 1 500 km.
Mit der Beendigung des zweiten Weltkrieges musste Afghanistan, dass zu
der Zeit 10 Fabriken hatte, seine Vorkriegsschulden zurückzahlen. Ziel des Staates war es besonders, durch Importe unabhängig zu werden. Es wurde
mit dem Bau von Textil-, Baustoff - und Energiewerken begonnen. Bis 1955 gab es in Afghanistan ca. 21 Fabriken. Da es aufgrund des staatlichen
Einflusses zu keinem Aufschwung kam, wurde 1967 das “Foreign and Domestic Private Investment Law”, ein Investitions- förderungsgesetz
geschaffen, um somit die Arbeitsmarktsituation zum Teil mit privatem Kapital zu reformieren.12 Mit diesem neuen Gesetz sollte sowohl für ausländische
als auch für afghanische Geschäftsleute die Möglichkeit geboten werden, in Afghanistan zu investieren. Für dieses Gesetz beauftragte der Staat ein
Investitionskomitee, alle offiziellen Projekte der Investoren zu überprüfen. Das Komitee bestand aus einem Handlungsministerium, einem
Planungsministerium, einem Bergbau - und Industrie- ministerium, einen Finanzministerium und einem Landwirtschaftsministerium.13
Im Laufe der Zeit wurde die Industrie, das Bergbauwesen und die Land - und
Agrarwirtschaft vor allem durch Tierzucht gefördert. Ferner wurde im Tourismusbereich mit dem Bau von Hotels begonnen. Den Investoren wurden
einige Vergünstigungen wie zum Beispiel eine temporäre Steuerfreiheit gewährleistet. Die ausländischen Investitionen führten dazu bei, dass die
Beschäftigungszahl in der Industrie immer mehr anstieg, die nochmals in der folgenden Tabelle näher dargestellt wird.
|
Branche
|
Betriebszahl
|
|
Beschäftigten zahl
|
|
|
196 2
|
196 4
|
196 7
|
|
1962
|
1964
|
1967
|
|
Textilien
|
14
|
14
|
19
|
|
8780
|
1120 1
|
1235 4
|
|
Nahrungsmittel
|
5
|
6
|
8
|
|
1190
|
1488
|
3165
|
|
Druckereien
|
4
|
17
|
17
|
|
800
|
1193
|
1002
|
|
Transport und Autoreparatur
|
6
|
6
|
8
|
|
1290
|
1399
|
1574
|
|
Kohlebergbau
|
3
|
3
|
4
|
|
970
|
1067
|
1432
|
|
Holzverarbeitung
|
3
|
3
|
5
|
|
640
|
803
|
631
|
|
Baustoffe
|
-
|
-
|
6
|
|
-
|
-
|
1935
|
|
Elektrizitätswerke
|
-
|
-
|
13
|
|
-
|
-
|
576
|
|
Übriger Bergbau
|
-
|
-
|
5
|
|
-
|
-
|
342
|
|
Übrige Industriezweige
|
24
|
23
|
3
|
|
2110
|
2940
|
437
|
|
Insgesamt
|
59
|
74
|
88
|
|
1578 0
|
2001 9
|
2343 6
|
|
Tabelle: Entwicklung der Industriebeschäftigten 1962-196714
|
|
4 Gesellschaft und Kultur Afghanistans
Die Einwohnerzahl von Afghanistan, die durch die momentane Lage schwer
zu erfassen ist, liegt zur Zeit bei 20,5 Millionen. Die Bevölkerung Afghanistans besteht aus einer ethnischen Zusammensetzung. Es gibt
mindestens 32 ethnische Gruppen. Die wichtigsten Gruppen bilden folgende:
- die Paschtunen mit 40%
- die Tadschiken mit 25% - die mongolische Hazara mit 15% - die Usbeken mit 5%.15
Der übrige Teil der Bevölkerung besteht aus Kafiren, Belutschen, Turkmenen,
Aimak, Kirgisen und Nomaden, die 12% der Bevölkerung ausmachen.
4.1 Ethnische Gruppen
In Afghanistan gibt es eine Vielzahl von ethnischen Gruppen, die sich
besonders durch ihre sprachlichen Besonderheiten charakterisieren als auch ebenso im alltäglichem Zusammenleben sich sehr unterscheiden. Die
Beweggründe hierfür liegen vor allem in den verschiedenartigen Gebieten Afghanistans, die unterschiedliche Anforderungen zur Anpassung an den
Menschen stellen und an der ereignisreichen Geschichte des Landes, dem der heutige Staat Afghanistan ausgesetzt ist. Im ausgehenden 19.
Jahrhundert wurde die Territoriallage Afghanistans durch unterschiedliche Grenzbeziehungen geprägt, die besonders die unterschiedlichen Ethnien
sowohl räumlich als auch politisch trennten.
Demnach siedelten Turkmenen, Usbeken und Tadschiken in den Norden
Afghanistans. Die persischsprechenden Schiiten leben im Westen, wobei sie besonders die Stadt Herat bevorzugten. Der Süden wird in der Regel von
Belutschen und der Osten von Paschtunen bewohnt.16 Die Bewohner Afghanistans, die sich in unterschiedlichen Gruppen zusammen finden,
werden mit bestimmten Gruppennamen bezeichnet, von denen es eine verwirrende Menge gibt. Doch nicht alle Gruppen, die sich durch ihre
Verschiedenartigkeit unterscheiden, sind unbedingt ohne weiteres Ethnien. Zunächst einmal kann mit dem Begriff "Ethnie" ein “Wir-Gefühl” verstanden
werden. Mit diesem “Wir-Gefühl” wird eine Verständigung erreicht, dass nicht nur auf einer Sprache beruhen kann, sondern auch auf arteigenen Werten und
Symbolen, die auch physisch- anthropologische Kriterien beinhalten können. Jeder Fremde wird von der “Wir-Gruppe” in eine “Sie- Gruppe” unterteilt.17 Ein
Beispiel hierfür finden wir in der Gruppe der Kafiren. Das Wort “Kafir” kommt aus dem arabischen und bedeutet Heide. Demnach bezeichnet die
“Wir-Gruppe” die “Sie-Gruppe” der Nichtmoslems. Dieser Prozess lässt sich folgenderweise erklären:
Die Bevölkerungsgruppe, die im gebirgigen Nordosten Afghanistans heimisch
war, hatte sich lange der Islamisierung entzogen und wurde deshalb auch von ihren moslemischen Nachbarn als Kafiren genannt und ihr Land Kafiristan getauft.18
Eine Vielzahl der afghanischen Bevölkerung lebt im Ganzen bäuerlich. Das
Leben eines Bauers spielt sich nur in seinem Dorf ab, wo er geboren wird, lebt, arbeitet und stirbt. Demnach empfindet er zunächst alles andere was
außerhalb seines Dorfes geschieht als zweitrangig. Aufgrund wirtschaftlicher Probleme wird die Bereitschaft zur geographischen Mobilität, in ein anderes
Dorf zu siedeln, für die meisten der Dorfbewohner zur Voraussetzung. Die Neuankömmlinge werden in das Dorf der “Wir-Gruppe” aufgenommen. Nach
diesem neuen Zusammenschluss wird über die ethnische Herkunft der einzelnen nur noch in Erinnerung gesprochen. Beispielweise leben unter
anderem in Nordafghanistan Paschtunen, die ihre paschtunische Sprache nicht mehr gebrauchen. In Kabul leben zum Beispiel die Gruppe der
Nuristani, die einen Übersetzer brauchen, wenn sie die Heimat ihrer Vorfahren besuchen wollen.19
Diese Prozesse werden vor allem aber durch den Islam erleichtert. Denn die
arabische Sprache, die Sprache des “heiligen Korans”, bildet eine Basis, die eine gemeinsame sprachliche Kommunikation ermöglicht. Die Sprache ist ein
signifikanter Bestandteil für die Ethnie, der die ethnische Abgrenzung verinnerlichen soll. Eine ethnische Gruppe kann aber auch sowohl materielle
als auch immaterielle Symbole beinhalten, die bestimmte Verhaltensformen erkennen lassen kann. Diese können Symbole wie Kleider, Hausgeräte und
diverse Gesten sein. Zum Beispiel die Art und Weise ein Turbantuch zu binden, kann erkennen lassen, woher dessen Träger stammt.
4.2 Familie
Wie in den meisten Staaten der Welt gehört die Familie auch in Afghanistan
zur wichtigsten sozialen Institution. Die Familie soll die einzelnen Familienmitglieder beschützen und dem einzelnen seinen Rang bestimmen.
Deshalb ist es für die Afghanen sehr wichtig, dass die Familienehre nicht befleckt wird. Denn ohne die Familie würden sie schutzlos der Umwelt
preisgegeben werden. Geführt wird die Familie vom Familienältesten, der eine große Verantwortung gegenüber seinen Familienmitgliedern trägt. Zu seinen
Aufgaben gehört es, den Familienbesitz zu verwalten und die einzelnen Interessen der Familienmitglieder zu vertreten. Da er die höchste Autorität
darstellt, ist er für alle Familienfragen und Probleme zuständig.20 Aber auch die Familienälteste, meist ist es die Ehefrau des Familienältesten, stellt bei
den weiblichen Familienmitgliedern die höchste Autorität dar. Es herrscht also ein patriarchalisches Familiensystem das verlangt, dass die Söhne mit
ihren Ehefrauen und Kindern im Hause des Vaters leben. Diese Ordnung verlangt selbstverständlich eine strenge Disziplin, damit es nicht zu
naturgemäßen Streitereien kommen soll. An dieser Stelle soll aber erwähnt werden, dass diese Familienverhältnisse meist früher nur in den Dörfern
geläufig war und in den Städten eher eine moderne Lebensform angestrebt wurde und wird.
4.3 Bildung
In Afghanistan gibt es eine offizielle Schulpflicht von sieben bis dreizehn
Jahren. Die Einschulungsquote liegt bei 28,8%. Die erste weltliche Schule nach westlichem Muster wurde 1904 gegründet und stellte die Basis für ein
modernes Ausbildungswesen im ganzen Lande dar.21 Die Bildung wurde aber erst dann forciert, als 1919 ein Kultusministerium geschaffen wurde.
Somit war der Weg frei geschaffen für neue Schulgründungen, die zur wichtigsten Staatsaufgabe wurden. Für das neue Bildungswesen wurden
westliche Bücher übersetzt und in das Unterrichtssystem eingeführt. Aus diesem Grund schuf man enge kulturelle Kontakte zu europäischen Staaten.
Deshalb war es nicht verwunderlich, dass mehrere weiterführende Schulen wie “Highschools” und “Lycées” nach englischem, französischem und
deutschem Muster gegründet wurden.22 1921 wurde die erste Mädchenschule errichtet.23 Hierdurch bekamen afghanische Frauen die
Möglichkeit, ihre Rolle in der modernen Gesellschaft als soziale Emanzipation auszurufen. Unter König Amanullah Khan wurde 1924 in Kabul
die Nedjat-Oberrealschule gegründet, dessen erste Fremdsprache Deutsch war und in der Oberstufe nur noch in deutscher Sprache unterrichtet wurde.24
Die intensiven Beziehungen mit europäischen Staaten machten es möglich, dass afghanische Schüler unter anderem in der Türkei, in Deutschland und in
Frankreich ein weiterführendes Studium aufnehmen konnten. Demnach waren nach dem zweiten Weltkrieg auch viele deutsche Lehrer in Afghanistan tätig,
die bei der Entwicklung für die moderne Bildung mit beitrugen.25 Das afghanische Ausbildungssystem organisiert sich wie folgt:
- die Dorfschule, von der 1. bis zur 3. Klasse,
- die Grundschule, von der 1. bis zur 6. Klasse, - die Mittelschule, bzw. Mittelstufe, von der 7. bis zur 9. Klasse,
- die Oberschule, bzw. Oberstufe, von der 10. bis zur 12. Klasse.26
Mit dem Abschlusszeugnis der 12. Klasse und dem Bestehen einer
Aufnahmeprüfung wird der Zugang auf die Universität ermöglicht. Universitäten gibt es in Kabul, Herat und Jalalabad. In Kabul wurde 1932 die erste moderne
afghanische Hochschul- institution gegründet. Zunächst wurde eine medizinische Fakultät eingerichtet und später folgte die juristische,
naturwissenschaftliche und Literaturfakultät. Über weitere Jahre hinweg wurde die Fakultät mit weiteren Fakultätsgründungen erweitert, die bis 1972 aus 12
Fakultäten bestand.27
Für Frauen gab es an der Universität von Kabul in den Jahren von 1947 bis
1960 eine gesonderte Fakultät.28 Doch nach der Aufhebung des Schleierzwangs wurde an der gesamten Universität die Koedukation
eingeführt. Diese Neuerung wurde jedoch von den Konservativen sehr stark kritisiert. Deshalb wurde auch an der gesamten theologischen Fakultät diese
Neuerung nicht zugelassen. Aus diesem Grund sah man eine strikte Trennung der Ausbildungsklassen der Frauen für erforderlich. Die
Analphabetenrate beträgt bei den Männern 52,8% und bei den Frauen 85%.
4.4 Schulbildung und Berufstätigkeit bei Frauen
Wie bereits im vorigen Abschnitt erwähnt worden ist, wurde 1921 durch König
Amanullah Khan die erste Mädchenschule geschaffen, die jedoch auf Grund der Bürgerkriegsunruhen im Jahre 1929 schließen musste. Erst nachdem die
Bürgerkriegsunruhen beendet worden waren, wurde noch am Ende des selben Jahres eine Ausbildungsstätte für Mädchen geschaffen. Bevor aber die
Schule 1933 zu einer normalen Schule umgeformt wurde, konnten die afghanischen Mädchen auf dieser Schule zur Hebammen und
Krankenschwestern ausgebildet werden. Über weitere Jahre hinweg wurde die Bildung von Mädchen und Frauen durch internationales Aufsehen und durch
die UNESCO sehr intensiv beobachtet.29 Aufgrund der UNESCO sah sich der Staat Afghanistan verpflichtet, die Ausbildungsmöglichkeiten für Mädchen
und Frauen stark zu unterstützen und weiter zu vertiefen. Erstmals wurde 1948 für Frauen an der Universität von Kabul eine Literaturwissenschaft - und
Naturwissenschafts- fakultät gegründet und 1959 bekamen sie die Möglichkeit, eine für sie eingerichtete medizinische Fakultät zu besuchen.30
Nachdem immer mehr gebildete Frauen in der Gesellschaft ohne Schleier auftraten, wurde 1959 die Gemeinschaftserziehung von männlichen und
weiblichen Studenten eingeführt. Damit standen den Frauen alle Bildungsmöglichkeiten zur Verfügung.31 Diese Entwicklung führte dazu, dass
sich die Bildung stark ausbreitete. Nach der statistischen Erfassung hatte sich die Schülerzahl von 1933, die damals bei 1350 lag, im Jahre 1974 auf 803.141 erhöht.32
Außerdem war die Anzahl der Schulen im Jahre 1974 von 22 auf 3.983
gestiegen. Doch trotz dieser Entwicklung war die Anzahl der Mädchen am Schulbesuch fast zu jeder Entwicklungszeit noch viel zu gering. 1974 ließ
sich die Gesamtzahl der Frauen, die verschiedene Bildungszweige (Dorfschulen, Grundschulen, Sekundarschulen, Lycéen, Berufsschulen,
Hochschulen) besuchten, auf 14% erfassen, während die männlichen Schüler 86% ausmachten. Siehe auch Tabelle:
|
|
Männlich
Absolut Zeilen %
|
Weiblich
Absolut Zeilen %
|
Gesamt
Absolut Zeilen %
|
|
Dorfschulen
|
126.595 89
|
15.727
11
|
147.322 100
|
|
Grundschul en
|
409.650 85
|
72.141
15
|
481.791 100
|
|
Sekundarsc hulen
|
95.225 88
|
13.078
12
|
108.303 100
|
|
Lycéen
|
45.573 88
|
5.998 12
|
51.571 100
|
|
Berufsschul en
|
7.592 93
|
570 7
|
8.162 100
|
|
Hochschule n
|
8.192 89
|
983 11
|
9.175 100
|
|
Gesamt
|
692.827 86
|
108.497 14
|
801.324 100
|
|
Tabelle: Männliche und weibliche Schüler im Jahre 1974 in Schulen
verschiedener Typen.33
Da aber die meisten Bildungsmöglichkeiten in der Hauptstadt Kabul lagen,
waren die Studiermöglichkeiten für Mädchen und Frauen die in anderen Provinzen lebten, nicht zugänglich. Laut UNESCO lag 1970 die Schülerzahl
im Zentralafghanistan und anderen Gebieten ungefähr bei 1 bis 1,7%, während in Kabul die Anzahl der weiblichen Schüler auf 25% anstieg.34 Aber
nachdem man ein Wohnheim für Studentinnen an der Universität einrichtete, bekamen auch Frauen, die aus anderen Gebieten Afghanistans kamen und
Kabul für sie fremd war, die Möglichkeit, die Universität zu besuchen.
In den Dörfern von Afghanistan machte sich ebenfalls eine Entwicklung im
Erziehungswesen bemerkbar. Ursache für diese positive Entwicklung war 1968 eine Konferenz im Entwicklungsministerium, die in Kabul stattfand. Mit
der Unterstützung des damaligen Bildungsministers konnten alle anderen Direktoren, die in ihren Regionen für Erziehung zuständig waren, auf dieser
Konferenz die Probleme und Belange zur Bildung ihrer Gebiete äußern. Viele dieser Erziehungsdirektoren verlangten für ihr Land die Einrichtung dieser
Mädchenschulen. Doch aufgrund von finanziellen Schwierigkeiten konnten nicht in allen Regionen Afghanistans Mädchenschulen gegründet werden. Da
die Motivation hier sehr groß war, waren viele wohlhabende Menschen bereit, ihre Häuser als Erziehungsgebäude zur Verfügung zu stellen. Trotz der hohen
Bereitschaft für die Bildung der Mädchen bildete sich ein Gegenpol, der diese Entwicklung sehr kritisierte. Die Konservativen, die die Bildung der Mädchen
ablehnten, sahen die Ursache für die Entwicklung der Frauenemanzipation am Einfluss des Westens. Allein das in den 60er Jahren der Minirock, der zu
der damaligen Zeit sehr in Mode war, von afghanischen Frauen getragen wurde, sorgte bei den streng Gläubigen für Aufregung. Es wurde befürchtet,
dass es zwischen der neuen, gebildeten und jungen Generation und den ungebildeten älteren Afghanen zu Kontroversen kommen würde und der
Respekt vor älteren Menschen sowohl in der Familie als auch in der Gesellschaft verloren gehen könnte. Ebenso befürchtete man den
Ungehorsam der Kinder in der Familie. Auch die Mütter lehnten lange die Bildung ihrer Töchter ab, da sie Bedenken hatten, sie würden ihnen nicht
mehr bei den Hausarbeiten helfen. Für Frauen war es besonders nach ihrer Ausbildung schwierig einen Arbeitsplatz zu finden, da der Bedarf nach
weiblichen Arbeitskräften fehlte. In Kabul und in anderen Städten wurden überwiegend Lehrerinnen eingestellt, die in besonderen Lehrerausbildungs-
stätten unterrichtet wurden. Ab 1957 weitete sich das Berufsfeld für Frauen weiter aus. So kam es, dass Frauen für den afghanischen Rundfunk
arbeiteten und ihre Stimme sogar gesendet werden durfte.
Erstmals konnte 1958 auf internationalen Konferenzen wie der
“Afro-Asiatischen Frauenkonferenz” in Colonmo/Ceylon und der Vereinten Nationen, eine afghanische Frauendelegation in der Öffentlichkeit auftreten
und ihr Land vertreten. Diese Entwicklung öffnete Frauen viele Türen, um in vielen Bereichen wie zum Beispiel bei der Bibliothek des
Erziehungsministeriums, bei Regierungsbanken und bei der afghanischen Luftfahrtgesellschaft Ariana zu arbeiten.
Für die Ausbildung zur Lehrerin wurden Stipendien zum Auslandsstudium für
Frauen ermöglicht. Da die Frauen aber wenig Berufsmöglichkeiten hatten, mussten sie sich in den meisten Fällen für den Beruf der Lehrerin
entscheiden. 69% der Frauen waren im Staatsdienst als Lehrerinnen tätig, während nur 35% der männlichen Lehrer im Staatsdienst arbeiteten.
4.5 Afghanische Frauenorganisation
Die Französin Naim Ziai, die zu den ersten Europäerinnen gehörte die einen
Afghanen heiratete, gründete 1946 die Frauengesellschaft “Women`s Welfare Society”. Ein Jahr später wurde diese Einrichtung an das Staatswesen
angeschlossen und 1959 arbeitete sie unter der Aufsicht des Erziehungsministers. Diese Einrichtung machte sich besonders als Aufgabe,
verheirateten Frauen unabhängig des Alters, eine vernünftige Schulbildung in Hauswirtschaftslehre, Hygiene und Kinderpflege zu gewährleisten. Außerdem
machte es diese Frauengesellschaft den Frauen möglich, eine Berufsausbildung zu Kindergärtnerinnen, Sozialarbeiterinnen, Friseurinnen,
Schneiderinnen anzufangen und Kurse in Handarbeit und Schreibmaschine anzufangen. 1957 richtete die Frauengesellschaft mit internationaler
Unterstützung ein Kindergarten ein, welches als Vorbildkindergarten betrachtet werden sollte. Ferner setzte sich diese Organisation für bedürftige
Frauen ein, um für ihre handwerklichen Arbeiten Käufer zu finden, wobei ihnen Aufträge vermittelt wurden, Staatsuniforme zu schneidern.
7 Geschichte und Politik Afghanistans seit seiner Entstehung
Afghanistan hatte im Laufe seiner historischen Geschichte drei Namen, die
das Land jeweils für Jahrhunderte behielt und die das Land durch die Geschichte hindurch begleitet und unterschieden hat.
Aryana in der Antike
Khurasan im Mittelalter
Afghanistan im heutigen Zeitalter
Herat, Bactria und Kabul hatten zu mancher Zeit eigene Königreiche. Der
größte Teil des Landes liegt im Iranisch–afghanischen Hochland. Aus ihnen entwickelt sich nordostwärts der Hindukush, das südwestlichste der großen
zentralasiatischen Hochgebirge. In ihm sind im Norden der Darwazgebirge und der Pamirgebirge angelagert. Afghanistans Lage befindet sich im
altweltichen Trockengürtel. Der größte Teil des Landes besteht aus Wüste, ein Teil aus Steppen und ein noch kleinerer Teil aus natürlichen
Waldgebieten. Im Südwesten und Süden grenzt Afghanistan an Iran und im Norden am Zweig des als Seidenstraße bekannten Handelsweges von Herat
nach Sin - kiang und China. Unmittelbarer Nachbar im Norden ist ebenso die Sowjetunion. Auf dem Boden Afghanistans bildeten sich nur wenige Male
kurzlebige Macht – und Kulturzentren von subkontinentaler Ausstrahlung. Das Land lag abseits der Herrschafts- pole. Deswegen konnten sich hier
unterschiedlichste kulturelle Strömungen und Einflüsse treffen: vom Westen her die arabisch–islamische vor allem die persische Kultur, die bis heute
große Teile des Landes prägt. Von Südosten wirkte die indische Kultur, die entlang der Haupthandelswege nach Afghanistan eindrang. Von Norden
ausgesehen kamen turanische und andere zentralasiatische Kräfte nach Afghanistan, während die Einflüsse von Osten aus China gering waren.
Afghanistan war immer ein Land des Zwischenhandels. Es verband China und Indien mit dem Vorderen Orient und der Mittelmeerwelt. Es ist gerade diese
Zwischen – und Übergangslage im kulturellen und politischen Spannungsfeld, welche den häufigen Wechsel in der historischen Entwicklung Afghanistans
förderte und es heute problematisch erscheinen lässt, das Land einem der asiatischen Kulturerdteile eindeutig zuzurechnen. So bildet es im Grunde
einen vielfach überprägten sekundären Kulturraum für sich, den man mit einem gewissen Recht als Wegekreuz Asiens bezeichnet.38 Zwar zeigt
Afghanistan durch den Islam die dominierende persische Sprache und durch viele kunsthistorische Züge eine starke Vorderasiatische Prägung, doch zählt
es insgesamt nicht mehr zu Vorderasien im eigentlichen Sinne.
In der Antike wurde Afghanistan mehrmals von asiatischen Reitervölkern
überflutet. Es unterstand immer jeweils wechselnden Mächten: Persien, Baktrien und Indien. Afghanistans Eintritt in die Geschichte kündigt ein
goldgeprenkelter tiefblauer Stein an, der in der zweiten Hälfte des dritten Jahrtausends v. Ch. in Persien, Turkmenien, Mesopotamien und Ägypten
bekannt und begehrt wurde: Lapislazuli. Im 3. Jahrtausend v. Ch. schmückten sich in Unterägypten Frauen mit Nephritperlen und Schmuck- gehänge aus
Lapislazuli. Zur Herstellung von Amuletten war der Stein hochgeschätzt.39 Später kamen Gold und Silber aus Afghanistan nach. Im zweiten Jahrtausend
wurde der Edelstein zur wichtigsten Ware im Export Babyloniens nach Ägypten und Indien. So verband Afghanistan den Osten mit dem Westen. Als
Durchgangsland für Händler, Eroberer und Nomaden fand Afghanistan seitdem seinen Ort in der Geschichte. Längs der Straßen von Iran nach
Indien entstanden Siedlungen sesshafter Bodenbauer, Viehzüchter und Getreidebauer. Die frühe Geschichte Afghanistans setzte mit dessen
Zugehörigkeit zum Reich der persischen Achämeniden (6.–4. Jht. v. Ch.) ein, die sich von der Westküste Kleinasiens bis Nordwestindien erstreckte.40 Der
Ost–Westhandel nahm rasch zu. Seide und Jade aus China und Lapislazuli aus Badakhshan gelangten auf der Seidenstraße bis Ephesos und aus Indien
kamen Baumwolle, Zuckerrohr und Reis bis Persien. Bereits während der Achämenidenherrschaft begann der Einfluss griechischer Kaufleute,
Handwerker, Gelehrte und Söldner in persischen Diensten.41 Reformen des Darius des III. wie Münz, - Maß - und Gewichtswesen und der Ausbau des
Straßensystems begünstigten Handel und Handwerk. Die Landwirtschaft war die ökonomische Grundlage des Reiches. Ebenso gab es schon zu dieser
Zeit eine Vielfalt an Steuereinnahmen. Darius der III. hatte zu seiner Zeit die Abgabe der Steuern in Geld eingeleitet. Seine Macht wirkte wie eine Art
Staatssicherheitsdienst und er wachte über Ruhe und Ordnung über sein Reich. Er weitete das afghanische Reich zu seinem Höhepunkt aus, indem er
den größten Teil Afghanistans einschließlich Herat (Aria), Balkh, das heutige Mazar-i-Sharif (Bactria), Kabul, Jalalabad, Peschawar, Kandahar (Gandhara)
und Quetta (Arachosien) eroberte. 331 v. Ch. wurde Darius der III. von Alexander dem Großen ermordet, der 330–327 v. Ch. auf seinem Zug nach
Indien Afghanistan eroberte und als Vermittler des Hellenismus aber auch als Zerstörer wirkte. Alexander der Große scheiterte an dem Versuch, das Volk
zu unterdrücken. Er hinterließ einige neugegründete Garnisonsstädte, die seinen Namen trugen wie der Ort Kapisa beim heutigen Bagram. Die
griechisch–hellenistische Kultur kam für zwei Jahrtausende durch seine Nachfolger, den Seleukiden im Osten, zu hoher Blüte. Später wurde ihre
Kultur durch orientalisch–indische Einflüsse abgewandelt. 305–304 v. Ch. fielen Arachosien und Gandhara einschließlich Jalalabad und Peschawar an
das indische Maurya–Reich. Ca. um 100 n. Ch. entwickelte sich das Kuschanreich. Es zielte vornehmlich über den Hindukush nach Indien.42 Das
Kuschanreich erstreckte sich im 1. und 2. Jahrhundert n. Ch. von der unteren Gangesebene bis zum Aralsee nach Sin–kiang. Sie übernahmen die
gräco–baktrische Kultur und entwickelten sie weiter fort. Das Städtewesen erlebte unter ihrer Herrschaft eine neue Blüte. Auch heute noch findet man in
einigen Orten Afghanistans wie in Kapisa, Alt–Kandahar und Dilbarjin kuschanische Stadtanlagen. Unter dem Kuschanherrscher Kanishka, ca. ein
Jahrhundert n. Ch., fand der Buddhismus weite Verbreitung. Neben der fortlebenden Verehrung griechisch–römischer Götter gibt es ebenso
Zeugnisse des Hinduismus und eines vermutlich zoroastrischen Feuerkultes. Letzteres hervorragendstes Relikt ist die Tempelanlage bei Pul-i-Khumri im
heutigen Afghanistan. Zahlreich sind auch buddhistische Denkmäler in Ostafghanistan, die nicht nur aus der Zeit der Kuschanen stammen, sondern
auch aus den Jahrhunderten danach bis zur islamischen Invasion. Unter ihnen haben die kolossalen aus der Felswand gehauenen Buddhastatuen von
Bamyan die größte Berühmtheit erlangt. Das Kuschanreich unterhielt wie den Achämeniden weitgespannte Handelsbeziehungen zwischen China,
Vorderindien und dem Mittelmeerraum. Es erlag aber im 3. und 4. Jahrhundert n. Ch. den Angriffen der persischen Sassaniden, die einen
großen Teil des heutigen Afghanistan unter ihrer Herrschaft brachten. Der östliche Teil des Landes wurde im 5. Jahrhundert von dem zentralasiatischen
Nomadenvolk der Hephtaliten, bekannt auch als “Weiße Hunnen“, erobert, welche die Nachfolge der Kuschanen bzw. der Sassaniden antraten. Sie
zerstörten die buddhistische Kultur und hinterließen viele Ruinen. 565 n. Ch. wurden die Hephtaliten von den aus Zentralasien hereindrängenden Türken
besiegt, welche das Land nördlich des Oxus in ihre Gewalt brachten, während die übrigen weiten Teile Afghanistans wieder an die Sassaniden fiel
und sie später die Kontrolle über das gesamte heutige Afghanistan übernahmen. Im Wechsel mit Indien bzw. Zentralasien konnten sich
wiederholt eigene regionale Dynastien bilden. Im Jahre 652 n. Ch. kommt es schließlich zum Sieg der Araber über die Sassaniden, die sie aus den
wichtigsten Städten wie Kabul, Herat und Sistan vertrieben. Sie verkündeten den Islam und führten den Monotheismus als Religion ein aber vermochten
das Land nur durch wiederholte Eroberungszüge zu unterwerfen. Die heutige afghanische Hauptstadt Kabul wurde von den Arabern um 800 n. Ch.
eingenommen während andere wichtige Orte wie Balkh schon im Jahre 707 n. Ch. erobert werden konnten. Die drei Jahrhunderte währende
arabisch–islamische Durchdringung Afghanistans (7.–10. Jhd.) brachte tiefgreifende Umwälzungen mit sich.43 Während dieser Zeit entwickelten sich
allmählig neue einheitliche Formen einer persisch–mittelasiatisch– islamischen Kultur wobei Religion, Kultsprache und Schrift von den Arabern
entlehnt wurde. Die endgültige Islamisierung und politische Vereinigung Afghanistans gelang jedoch nicht den Arabern, sondern den türkstämmigen
Ghaznaviden. Sie machten sich als Statthalter unabhängig und eroberten unter Mahmud von Ghazni (998–1030 n. Ch.) ein Reich, dass sich von Iran
bis Nordindien erstreckte. Die nach diesem Eroberer benannte Stadt Ghazni war für 1 ½ Jahrhunderte das Zentrum des Reiches und gleichzeitig Stätte
persischer Dichtkunst und Gelehrsamkeit.44 Die islamische Ära beginnt mit der Ghaznavid–Dynastie, wobei Afghanistan zu dieser Zeit erstmalig als
eigener Staat gegründet und sie gleichzeitig das Zentrum islamischer Macht und Kultur wurde. Bis heute sind zahlreiche Ruinen des ghaznavidischen
Großreiches geblieben. Einer der berühmtesten Gelehrten dieser Zeit war Ibn Sina (980–1037 n. Ch.), geboren in Balkh. Er war der bekannteste Physiker,
Philosoph, Enzyklopädist, Mathematiker und Astrophysiker seiner Zeit. Er verfasste bereits im 11. Jahrhundert ein umfassendes medizinisches
Lehrbuch (Enzyklopädie der Medizin) und ist unter dem Namen “Kanon“ bekannt. Sein Lehrbuch beinhaltet das gesamte medizinische Wissen aller
erhältlichen antiken und muslimischen Quellen dieser Ära. Ibn Sina erkannte das Krankheitsbild Meningitis, trug reichhaltige Beiträge zur Anatomie,
Gynäkologie und Kinderheilkunde bei. In der Physik führte er Studien über Formen der Energie, Hitze und des Lichts. Er klassifizierte in theoretisches
Wissen wie Physik, Mathematik und Metaphysik und in praktisches Wissen wie Ethik, Wirtschaft und Politik. Seine Abhandlungen über Mineralien waren
die Hauptquellen der Geologie der christlichen Enzyklopädisten des 13. Jahrhunderts. In der christlichen Welt ist Ibn Sina auch unter dem Namen Avicenna bekannt.
Um 1149/1151 n. Ch. zerstörte der Ghoride Alaudin mit seinem Heer die
Stadt Ghazni und zog weiter, um Indien zu erobern. Die Ghoriden, einheimische Herrscher aus Ghor im westlichen Teil des Hochlandes von
Zentralafghanistan, festigten ihre Macht zwischen den Ghaznaviden im Osten und den von Westen hereindrängenden türkischen Seldschuken. Auch aus
der Zeit der Ghoriden sind viele Ruinen erhalten geblieben, deren berühmtestes Bauwerk das Minarett von Jam im Engtal des Hari Rod
westlich von Chaghcharan ist. Im Jahre 1219–1221 n. Ch. kam es zu einem Ansturm der Mongolen über Afghanistan. Ihr Herrscher Dschingis Khan
zerstörte weite Teile und nahm mit seinem Heer die wichtigsten Städte wie Kabul, Bamyan, Herat und Balkh ein. In der Zeit der mongolischen Herrschaft
bis Mitte des 14. Jahrhunderts begann ein allmähliger Verfall der Oasenkultur bis ins 19. Jahrhundert. Es herrschten nomadische Lebensformen zahlreicher
Dynastien und eine Geringschätzung der städtischen Kultur. Es kam zur Beduinisierung großer Teile des islamischen Orients. Der Verfallsprozess
wurde durch das von den Mongolen eingeführte ausbeuterische Lehnswesen und das Fehlen einer beständigen zentralisierten Staatsmacht verstärkt.45
Bewässerungssysteme wurden zerstört und fruchtbare Erde in eine dauerhafte Wüste verwandelt. Um 1370 n. Ch. erneuerte der Nachfahre
Dschingis Khans, bekannt als Timur Leng (auch “der Tamerlane“) das beherrschte Reich. Der Hauptstadt Samarkand verlieh er künstlerischen
Glanz aber er verwüstete auch mit seinen Soldaten in mehreren Feldzügen große Teile Afghanistans und Indiens und übertraf dabei seine Vorfahren.
Herat bildete im 15. Jahrhundert als Hauptstadt des Timuridenreiches das Zentrum einer reichen persisch–türkisch geprägten Kultur, während die
staatliche und militärische Organisation türkisch–mongolischer Tradition folgte.46 Am Herater Hof versammelten sich zahlreiche Dichter, Gelehrte,
Miniaturenmaler und andere Künstler. Die Grabmoschee des Hasret Ali, dem Schwiegersohn des Propheten Mohammed und ein Mausoleum des Abu Nasr
Parsa in Mazar-i-Sharif gehören zu den hervorragendsten Bauwerken dieser Zeit. Anfang des 16. Jahrhunderts führten zwei Ereignisse zu einem raschen
Ende der timuridischen Glanzzeit: der Einbruch der Usbeken in Turan und der Aufstieg Babur Schahs, Nachfolger der Mongolen, der das Reich des
Großmoguln in Indien schuf. Die Usbeken waren zu jener Zeit ein nomadisches türkisches Volk, die bis heute überwiegend im Norden
Afghanistans leben. Babur Schah eroberte die heutige afghanische Hauptstadt Kabul, einen großen Teil des Ostens und ab 1525 Nordindien, wo
er die Moguldynastie begründete. Durch ihn und seine Nachfolger gelangte die persisch–zentralasiatische Kultur als auch die persische Sprache nach
Indien. Handel, Wissenschaft und Künste entfalteten sich immer weiter fort. Seinem Wunsch zu Folge wurde der Gromogul nach seinem Tod um 1530 in
Kabul begraben. Etwa zwei Jahrhunderte gehörte der östliche Teil Afghanistans zum Reich der Großmoguln und der Westen mit Herat zu den
persisch–schiitischen Safawiden. Der Norden des Landes war in usbekische Fürstentümer aufgeteilt. Der restliche Teil des Landes wurde von Paschtunen
und Belutschen kontrolliert. Diese staatliche Zerrissenheit und Fremdbestimmung kennzeichneten die politische Situation vor der Errichtung
des afghanischen Staates, begleitet von einem wirtschaftlichem Niedergang insbesondere durch den Rückgang des Fernhandels und eine allgemeine
Unsicherheit. Die Außenprovinzen der Safawiden wie auch der Großmoguln unterlagen nur geringerer staatlicher Kontrolle, gleichzeitig aber auch der
Ausbeutung durch Feudalherren und Steuereintreiber, die sich größtenteils aus paschtunischen Khanen rekrutierten.47 Beginnend im 16. Jahrhundert
wuchs der Widerstand gegen die Großmoguln im 17. Jahrhundert in Ostafghanistan und durch die soziale Bewegung der Roshani–Sekte (benannt
nach dem Kriegsdichter Roshani) gegen die persisch–schiitische Unterdrückung. Diese Aufstände, obgleich ohne nationalen Charakter, leiteten
die Entstehung eines afghanischen Staates um die Mitte des 18. Jahrhunderts ein.
Die nationale Geschichte Afghanistans beginnt mit der Durrani–Dynastie,
einem selbständigem Königreich, dessen Gründer Ahmed Schah Durrani sich 1747 in der damaligen Hauptstadt Kandahar zum afghanischen König
ausrufen ließ. In kurzer Zeit vereinte er fast das gesamte Gebiet des heutigen Afghanistan unter seiner Herrschaft und unterwarf 1750–1752 auch die
usbekische Khanate im afghanischen Turkistan.48 Das Jahr 1747 gilt als das Gründungsjahr des afghanischen Staates. Die Afghanen stiegen unter der
Führung Ahmad Schah Durrani auf und gründeten ein modernes Afghanistan. Er besiegte die Moguln im Westen und eroberte Herat von den Persern
zurück. Sein Reich erstreckte sich von Zentralasien nach Delhi und von Kaschmir zum Arabischen Meer. Seine Eroberungsfeldzüge bildeten das
größte muslimische Reich in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts. Nach seinem Tod um 1772/1773 zerfiel sein Reich, aber die von ihm geschaffene
Staats – und Militärorganisation blieb für die weitere Entwicklung Afghanistans von großer Bedeutung.
8 Das 19. Jahrhundert
Die drei britisch-afghanischen Kriege
König Ahmed Schah Durranis Nachfolger bildeten drei weitere Herrscher-
persönlichkeiten aus verschiedenen Stämmen: Dost Mohammad (1836–1839), Sher Ali ( 1863–1866, 1869–1879) und Abdur Rahman
(1880–1901). Sie sollten das moderne Afghanistan weiter fortentwickeln während Russland und England im “great time“ um Asien pokerten. Jedoch
scheiterten sie oft daran, so dass dynastische Intrigen und Palastrevolten zur Schwächung der Zentralgewalt führten. Bis 1880 bildeten große Teile
Afghanistans unabhängige Siedlungsgebiete. Grund dafür waren ebenso die drei britisch–afghanischen Kriege.49 Durch Großbritannien in Nordwestindien
und Russland geriet Afghanistan im 19. Jahrhundert in das weltpolitische Spannungsfeld. Zweimal drangen die Briten mit ihrer indischen Armee nach
Afghanistan ein: 1838–1842 und 1878–1881. Beide Male aber vermochten die Briten weder nach Herat noch bis Turkistan vorzustoßen und beide Male
erlitten sie empfindliche Niederlagen. Auf dem Höhepunkt der europäischen Imperialisierung wurde Afghanistan nach zwei Kriegen gegen Großbritannien
zum Pufferstaat zwischen Russland und Britisch–Indien. Nach dem Friedensvertrag von 1879 wurde Afghanistan eine britische Halbkolonie. Die
afghanische Außenpolitik wurde von England gesteuert. Im Innern blieb Afghanistan weitgehend fremd aber er wurde durch die britische
Vormundschaft stärker in seiner Entwicklung gehemmt als die Vollkolonie Indien. Beziehungen des Emirats zu anderen Staaten wurden unterbunden
und somit hielt England Afghanistan in seine Rückständigkeit fest. Erst durch den dritten britisch–afghanischen Krieg von 1919 errang Afghanistan unter
König Amanullah Khan seine volle Unabhängigkeit.
9 Das 20. Jahrhundert
Der sowjetisch-afghanische Krieg
Afghanistan unterhielt besonders enge Beziehungen zur Sowjetunion, zum
Deutschen Reich und zur kemalistischen Türkei. Amanullah Khan verfolgte als erster afghanischer Herrscher eine entschiedene Politik zur
Modernisierung Afghanistans. Eine von ihm gegründete Verfassung garantierte die Gleichheit der Völker und Religionen in Afghanistan. In ihr
waren wichtige Gesetze wie die Abschaffung der Sklaverei, die Freiheit der Persönlichkeit, die Unantastbarkeit des Besitzes, das Briefgeheimnis, das
Zivil – und Strafgesetzbuch, das Militärstrafrecht verankert als auch Gesetze zur Förderung der Industrialisierung und verschiedene Verwaltungsreformen.
Es wurde durch Justizreformen ebenso der Versuch unternommen, den Einfluss der Geistlichkeit auszuschalten und die Stammesaristokratie durch
Staatsbeamte zu beenden. Doch aufgrund seiner überstürzten und ohne ausreichende psychologisch organisierte und finanzielle Reformen und
Grundlagen wurde er durch einen Aufstand traditionalistischer und reaktionärer Kräfte unter Führung des Tadschiken Bacha-i-Saqab gestürzt
und musste 1929 Afghanistan verlassen. König Amanullah Khans Reformen benachteiligten die Landbevölkerung durch Gesetze der Landbesteuerung
(1921), Viehbesteuerung (1923), Ordnung über Verkauf von Staatsland (1923) und durch Enteignung der Bauern (1923). Nach einem kurzen anarchischen
Schreckensregiment konnte Mohammad Nadir Schah (1923–1933) mit britischer Hilfe den afghanischen Thron zurückgewinnen. Er verfolgte eine
vorsichtige Modernisierungspolitik, die unter seinem Sohn, dem letzen afghanischen König Mohammad Zahir Schah von 1933–1973 fortgeführt
wurde, als er von einem Studenten ermordet wird. Während dieser Zeit entsteht 1947 aus indischen und afghanischen Gebieten der Staat Pakistan.
Mohammad Zahir Schah führte weitere Modernisierungsprogramme ein wie die Verbesserung der Infrastruktur und neuer Verkehrswege. Nach
Jahrhundertlanger Stagnation erhielt die Stadtentwicklung neue Impulse, so dass weitere neue Städte gegründet werden konnten. Industrie – und
Außenhandelsgesellschaften weiteten sich aus und Industriebetriebe wurden entwickelt. Afghanische Frauen schrieben sich erstmals in die Universitäten
ein und begannen in die Belegschaft der Regierung einzusteigen. 1959 führte Zahir Schah erstmals ein Gesetz zur Aufhebung des Schleierzwanges ein.
Am 1.10.1964 erhielt Afghanistan eine relativ moderne Verfassung. Die neue Verfassung von 1964 ist eines der bedeutendsten Dokumente in der
Geschichte Afghanistans der letzten Jahrzehnte. Sie bereitete den Weg zur Umwandlung der afghanischen Gesellschaft von der
traditionell–feudalistischen zu einer modernen demokratischen Struktur. 1965 entstand die kommunistische Partei im Untergrund. Das Helmand–Projekt,
das zur militärischen Ausrüstung zur Modernisierung der afghanischen Armee diente und zu dessen Durchführung die afghanische Regierung auf
US–amerikanische Finanzhilfe angewiesen war, lehnten die USA ab. Dadurch gewährte die Sowjetunion 1955 einen 100 Mio. Dollar–Kredit an Afghanistan
und sicherte sich damit den ersten Platz unter den Entwicklungshilfegebern und Außenhandelspartner Afghanistans. Die USA antworteten als
Herausforderung mit einer massiven Entwicklungshilfe.50 Bis 1978 verfolgte Afghanistan eine Politik der Blockfreiheit und nahm die Hilfe beider
Großmächte an. Die afghanische Armee erhielt militärische Ausrüstung und Instruktionen aus der Sowjetunion. Viele afghanische Offiziere wurden in der
Sowjetunion ausgebildet. Es waren vornehmlich prosowjetische Offiziere, die bei den Umstürzen 1973 und 1978 entscheidende Rollen gespielt haben.51
Die Beziehungen zur Sowjetunion wurden immer enger. Viele Aufgabenbereiche lagen unter der Kontrolle sowjetischer Berater u.a. die
Exploration der Erdöl, - Erdgas, - und Erzlagerstätten, Wirtschaftsplanung, Städtebau und Stadtplanung. Währendessen gestaltete sich das Verhältnis
zu Pakistan wegen der Paschtunistan–Frage feindselig und gespannt. Als Paschtunistan bezeichnet man das von den Paschtunen bewohnte Gebiet
östlich von Afghanistan, das letztendlich von Afghanistan beansprucht wurde. Die Engländer legten 1813 die Durand–Linie als afghanische Ostgrenze fest
und trennten damit die 1879 annektierten Landesteile (Kurram, Pishin, Sibi, Kyber-Paß) endgültig ab.52 Pakistan wurde bei der Paschtunistan–Frage von
den USA unterstützt. 1950, 1955 und 1961–1963 kam es zu den Höhepunkten des Konfliktes, das zur Schließung der Grenze für den
Transitwarenverkehr führte. Die wirtschaftliche Entwicklung Afghanistans wurde damit schwer beeinträchtigt, da Afghanistan einen Großteil seines
Außenhandels via Pakistan abwickelte. Die Sowjetunion half durch ein Transitabkommen von der Nordgrenze nach Herat und Kandahar nach Kabul
aber die innenpolitische Krise und die wirtschaftliche Lage blieb ungelöst.
Während 1973 der afghanische König Zahir Schah in Europa weilte, wurde er
und damit die Monarchie am 17. Juli desselben Jahres durch Mohammad Daud, seinem Vetter und früheren Ministerpräsidenten der afghanischen
kommunistischen Partei, infolge eines Staatsstreiches gestürzt und die Republik Afghanistan ausgerufen. Er machte sich zum afghanischen
Präsidenten und regierte diktatorisch. Daud präsentierte eine neue Verfassung und bestätigte die Frauenrechte, so dass erste Emanzipations-
gedanken aufkamen. Doch das autokratisch–diktatorische Regime vermochte trotz einzelner ökonomischer Erfolge die Probleme des Landes nicht zu
lösen. Am 27.4.1978 kam es zu einem blutigen Putsch kommunistisch– linksgerichteter Offiziere mit Eliteeinheiten der Armee; sie führten die
Ermordung Dauds durch. Zum Teil waren diese Offiziere dieselben Militärs, die Daud anfangs zur Macht verholfen hatten. Die “Demokratische
Volkspartei“ unter der Führung M.N. Taraki kam an die Macht. Babrak Karmal, Gründer der kommunistischen Partei wird stellvertretender
Premierminister. Die neue Regierung versuchte die traditionalistische Gesellschaftsstruktur radikal umzugestalten. Im selben Jahr unterzeichnet
Taraki einen Freundschaftsvertrag mit der Sowjetunion. Mit Unterstützung der sowjetischen Armee gelang es ihm und seiner linksgerichteten
kommunistischen Partei, neue Aufstände im Land zu unterdrücken. Im Juni 1978 wird erstmals die Guerilla–Bewegung der islamisch–traditionalistisch
orientierten Mujaheddin geboren. Sie leisteten als einzige Widerstand gegen die kommunistische Regierung. Infolge der Aufstände innerhalb des Landes
kam es 1979 zu Massenermordungen und Folterungen an Gegner des Regimes und Geistliche. Taraki wird durch undurchsichtige Machtkämpfe
umgebracht und mit Hilfe eines sowjetischen Sonderkommandos durch den weiteren Mord an den nachfolgenden Präsidenten Amin von Babrak Karmal
ersetzt. Im Dezember 1979 marschierte unter Führung Karmal das sowjetische Militär offiziell auf der Grundlage des am 5.12.1978
geschlossenen sowjetisch–afghanischen Beistandsabkommens endgültig in Afghanistan ein. Die Widerstandsbewegung der Mujaheddin blieb gegen das
kommunistische Regime und die Besatzungsmacht aktiv und gewann durch pakistanische und US–amerikanische Unterstützung an militärische Stärke.
Karmal schaffte es nicht, die Mujaheddin zu zerschlagen und wurde infolgedessen durch den in Sowjetunion lebenden früheren Leiter des
Geheimdienstes, Najibullah, abgelöst. Er führte 1987 eine neue Verfassung ein mit der wiederholten Bezeichnung “Republik Afghanistan“. Die
sowjetische Besetzung Afghanistans brachte eine Verschärfung der weltpolitischen Lage mit sich. Nachbarstaaten wie Iran und Pakistan riefen
tiefe Beunruhigungen aus. Die Guerilla– Bewegung der Mujaheddin verstärkte ihren Widerstand ausgehend aus dem zentralasiatischen Hindukush und dem
Bergland an der pakistanischen Grenze weiter fort. 1988 verlor die sowjetische Besatzungsmacht den Krieg gegen die Mujaheddin in
Afghanistan. Im selben Jahr wurde am 14.4. das Genfer Abkommen zwischen Sowjetunion, USA, Afghanistan und Pakistan unterzeichnet. Es beinhaltete
u.a. die Nichteinmischung und den totalen Rückzug des sowjetischen Militärs aus Afghanistan. Die Widerstandsgruppe der Mujaheddin war an diesem
Abkommen nicht beteiligt, was zu Rivalitäten und blutigen Auseinandersetzungen innerhalb der Mujaheddin um die Macht des Landes
führte. Sie zersplitterten in zahlreiche Gruppen unterschiedlicher politischer Richtungen und Stammeszugehörigkeiten und ein neuer Bürgerkrieg
innerhalb der sich rivalisierenden Gruppen entfachte. Diese Aufteilung zeigt die Neigung zum Partikularismus, die in Zeiten schwacher Zentralmacht eine
unheilvolle Rolle in der afghanischen Geschichte gespielt haben könnte aber per se nicht sein muss. Die neue kurzzeitig entstandene und undurchsichtige
Regierung wurde massiv von der Sowjetunion unterstützt, während die verschiedenen Gruppen der Mujaheddin, deren Führer zumeist in Pakistan
sitzen, Unterstützung von Pakistan, USA, Saudi–Arabien und anderen Staaten bekamen. Am 15.4.1992 gelang es der Mujaheddin, die afghanische
Hauptstadt Kabul einzunehmen. Sie gründeten einen Islamischen Staat und wählten Rabbani (Tadschike), den Führer der jami`at-e islami (Islamische
Gemeinschaft) zumneuen Staatspräsidenten. Durch die kriegerischen Wirren wurden seit 1979 Entwicklungsprojekte eingestellt, Infrastruktureinrichtungen
und zahlreiche Dörfer vernichtet, wichtige Städte wie Herat, Kandahar und Kabul zerstört und ganze Landstriche verödeten, weil Bewohner ins Ausland
oder in die Hauptstadt geflohen sind. Über eine Millionen Menschen sind während des sowjetisch–afghanischen Krieges durch Kämpfe und politischen
Verfolgungen umgekommen. Die Wirtschaft hat durch Zerstörungen, Unterbrechungen der Transportwege und Ausfall der Arbeitskräfte einen
Produktionsrückgang erlitten. In allen erdenklichen Zeiten haben Nachbarstaaten oder andere Länder wie Großbritannien versucht, Afghanistan
für sich zu beanspruchen und dort ihre Macht zu festigen.
10 Die Taliban - Herrschaft
"Im Dienste einer fremden Macht"
1994 griffen die radikal-islamischen Taliban in den afghanischen Bürgerkrieg
ein und brachten bis 1997 außer den Norden des Landes weite Teile unter ihrer Kontrolle. Die Entstehung der Taliban ist in erster Linie das Ergebnis
des Versagens der Mujaheddin, die 1992 nach der Machtübernahme weder in der Lage waren, einen Nationalstaat zu gründen und noch die Ziele der
pakistanischen Regierung schon in den Jahren des Widerstandes für ihre künftige Afgahnistanpolitik zu erreichen. Die erfolgreiche Schaffung eines
Nationalstaates in Afghanistan durch die Mujaheddin hätte verhindern können, dass Pakistan in Afghanistan und in der Region die Oberhand gewinnt.
Andererseits wäre es dann überhaupt nicht nötig gewesen, das Taliban-Regime zu schaffen und diese hauptsächlich von Pakistans
Regierung als eine neue politisch- militärische Kraft einzusetzen. Die ersten radikal-islamischen Vertreter dieses Regimes waren Gulbuddin Hekmatyar
(Paschtune), der Oberhaupt der Vereinigung Hezb-e islami afghanistan und der Führer der Gruppe jebheh-ye islami afghanistan, Abdolrahb-Rasul Sayyaf
(Paschtune), die mit Waffen und Geld versorgt, die Übernahme der afghanischen Regierung übernehmen sollten und auch kurzzeitig
übernahmen.53 Die Taliban wurden durch gezielte Anwerbung zum Teil aus der 2. Generation der seit 1978 in den pakistanischen Flüchtlingslagern
lebenden Afghanen und aus den Absolventen pakistanischer religiöser Madrassas (Islamische Lehranstalten, ca. 1400 in den "tribal areas"
Pakistans) sindischer und punjabischer Herkunft rekrutiert.54 Sie nennen sich Religionskrieger und sind teils Ex-DVPA-Mitglieder und ehemalige
Widerstands- kämpfer. Sie sind meist 15-30 Jahre alt, viele von ihnen sind Waisenkinder und Analphabeten. Diese werden wiederum von zahlreichen
fanatischen islamischen Gemeinschaften wie die Islamische Gemeinschaft Pakistans, Gemeinschaft pakistanischer Ulema und ähnlichen
gleichgesinnten Kräften unterstützt; finanziell in den arabischen Ländern und ideologisch mit Wohlwollen der pakistanischen Regierung. In diesem Sinne
bildeten die Taliban ein religiös-politisch-finanzielles Machtsystem, dass mit der Nationalität und Heimatliebe nicht zu tun hatte, sondern direkt und
kompromisslos die Ziele verfolgte, die ihm gesetzt worden waren. Im Entstehungsjahr der Taliban-Regierung bildete sich in Afghanistan gleichzeitig
unter Führung des Tadschiken Ahmed Schah Massud und dem ehemaligen Präsidenten Rabbani die Nordallianz (jebheh-e mottahed-e islami nejat-e
afghanistan), die mit ihren Mujaheddin den Norden Afghanistans kontrollierten und die ihre einzigen Gegner im Land waren. Lange Zeit davor führte die
jonbesch-e melli-ye islami afghanistan (Nationale Islamische Bewegung Afghanistans) des Generals Dostum, einem Usbeken, die politischen Geschäfte.
Pakistan hatte und hat in Afghanistan und in Mittelasien politische,
geographische, demographische und wirtschaftliche Interessen.55 An der Spitze der Taliban- Administration, des sogenannten "Islamischen Emirats
Afghanistan", stand Molla Mohammad Omar. Er wurde mit sämtlichen politischen, gesellschaftlichen sowie administrativen Kompetenzen
ausgerüstet. Das wichtigste Machtinstrument für die Einhaltung von Ruhe und Ordnung im Land selbst war das Ministerium für die Förderung der Tugend
und Verminderung des Lasters.56 Hierbei handelte es sich um das ausführende Organ bestehend aus jugendlichen Fanatikern, die einer
strengen islamischen Gehirnwäsche unterzogen wurden. Das Ministerium war zuständig zur Bewachung der Durchführung der Erlasse und bestimmte
willkürlich Strafen und deren Anwendung im Fall jeglichen Verstoßes. Die beabsichtigten Ziele der Taliban-Regierung waren die Wiederherstellung der
durch die innerparteilichen Machtkämpfe gestörten Ruhe und Ordnung, die Sicherstellung der islamischen Identität Afghanistans und die Schaffung eines
Staates nach dem ursprünglichen Modell des Islams als Vereinigung von Religion und Politik d.h Errichtung eines Gottesstaates. Obwohl die
gesamten außenpolitischen Angelegenheiten direkt von Islamabad durch den in Kabul sitzenden pakistanischen Botschafter Aref Ayub geregelt wurden,
trat in der internationalen Presse Wakil A.M. für die Außenpolitik Afghanistans als verantwortlich in Erscheinung, um die pakistanische
Einmischung in den inneren Angelegenheiten des Landes zu tarnen.57 Hinter dem gesamten Verwaltungsapparat standen die pakistanische Regierung und
ihre dafür zuständigen Regierungsstellen wie der pakistanische Geheimdienst ISI, die die endgültigen Entscheidungen trafen und umsetzten.58 Ohne
ausländische Unterstützung wäre es der Taliban-Regierung nicht möglich gewesen, in einer so kurzen Zeit fast ganz Afghanistan zu erobern. General
Nasrullah Babar, der Innenminister der pakistanischen Regierung Benazir Bhutto erklärte 1994 öffentlich, dass die Existenz der Taliban ein
Zusammenspiel des pakistanischen Innenministeriums und der JUI (jama `at-e `ulama, politischer Bündnispartner) zu verdanken ist. Der pakistanische
Geheimdienst ISI übernahm die weitere spätere Übernahme der Taliban-Regierung. Nach Außen hin genoss das Taliban-Regime über
keinerlei Akzeptanz und wurde nicht als Staat angesehen, der den freien Willen der Afghanen widerspiegelte.59 Die Taliban fanden ausgenommen bei
Pakistan und den Vereinigten Arabischen Emiraten keine internationale Anerkennung, da sie in erheblichem Maße die Menschenrechte verletzten.
Saudi-Arabiens Wirtschaftshilfe bei den Taliban kam zum Abbruch, als die Taliban Osama Bin Laden, den Feind der arabischen Königsfamilie,
Gastrecht gaben. Seit geraumer Zeit lebte der weltbekannte Top-Terrorist in Afghanistan und genoss den Schutz der Taliban. Die USA machen ihn
verantwortlich für die Bombenexplosion in den amerikanischen Botschaften in Kenia und Tansania von 1998 und für den Anschlag auf das World Trade
Center von 2001 in New York. Hätten die Taliban Osama Bin Laden an den USA ausgeliefert, so hätten sie nicht nur einen ihrer potenziellen Finanzierer,
sondern auch ihre gesamten Unterstützer in den extremistischen Zentren der islamischen Welt verloren. Im selben Jahr wird der Führer der Nordallianz,
Ahmed Schah Massud, von arabischen Fanatikern ermordet.
Die Assoziation Talib = Angehöriger der Unterschicht ist erlaubt.60 Die
Koranschulen in denen die Taliban ausgebildet wurden, entstanden in Pakistan unmittelbar nach ihrer Unabhängigkeit in den 50er Jahren. Dort
wurden und werden immer noch die einfache Geistlichkeit bzw. die Dorfmullahs ausgebildet. Sie sind meist Söhne von landlosen Tagelöhnern
oder Jungen, deren Väter im Krieg umgekommen sind. Jedoch wird in diesen Schulen nicht der Koran gelehrt sondern die Scharia, die islamische
Rechtstradition. Die Gesetze, die die Taliban-Regierung am afghanischen Volk auszuüben versuchten, hatten nichts mit dem Islam zu tun. Sie waren
kulturelle Normen, die u.a. vielmehr mit der paschtunischen Stammesethik zu hatten.61 Die afghanischen Jungen, die in Pakistan die islamischen
Madrassas besuchten, waren überwiegend Paschtunen, da auch die überwiegende Zahl der Flüchtlinge in den 80er Jahren Paschtunen waren. Die
Mehrzahl der Flüchtlinge hielt sich in der Nordwest-Provinz auf, wo Paschtu Umgangssprache ist. Auch in den pakistanischen Madrassas wird auf
Paschtu unterrichtet. Auf diesem Hintergrund ist klar, warum die Taliban- Bewegung in erster Linie eine paschtunische Bewegung ist.
Das Regime nötigte während seiner Herrschaft den Afghanen einen extremen
Islamismus vor. Die falsche und radikale Auslegung des Islams steht im Widerspruch mit der allgemein verbreiteten Religiosität der Afghanen in Afghanistan.
Im vorigen Abschnitt wurden die Ziele des Taliban-Regimes kurz erläutert. Die
wirklichen Ziele aber reichen weit darüber hinaus und sind von Pakistan der Reihe nach wie folgt gesetzt worden:
Abschaffung der nationalen Identität Afghanistans durch systematische
Zerstörung der afghanischen Kultur und Geschichte. Beispiel: Teilung der Hauptstadtfunktionen zwischen Kabul als dem Zentrum der historischen
Einheit des afghanischen Volkes und Kandahar als dem Geburtsort von Mullah Omar, um das Gefühl der "Afghanität" zu schwächen.
Einführung der Urdu-Sprache in Afghanistan, beginnend mit der Änderung der
Aushängeschilder der Geschäfte und Straßennamen.
Massiver Ankauf von Häusern und Ländereien überwiegend durch Pakistanis
sindischer und punjabischer Abstammung.
Systematische Zerstörung der sozialen, politischen und wirtschaftlichen
Infrastruktur sowie die Ausplünderung des Kulturerbes Afghanistans, um die Abhängigkeit des Landes von Pakistan zu forcieren.
Zwangsdeportationen der Bevölkerung unter dem Vorwand von Sicherheits-
gründen. Beispiel: Evakuierung der fast gesamten Bewohner des Schamali- Tals nördlich von Kabul nach Jalalabad (Pakistan).
Schürung von ethnischen Konflikten, um durch Rivalitäten zwischen
verschiedenen Ethnien das Gefühl der nationalen Einheit zu schwächen.
Einverleibung Afghanistans in die dominierende Atommacht Pakistan als dem
Zentrum der islamischen Welt mit weiteren Expansionszielen sowohl in Indien wie in Zentralasien.62
Afghanistan ist reich an kultureller, sprachlicher, religiöser und sozialer
Differenziertheit, was aber per se kein Grund für Feindschaft, Konflikte und Verfolgung sein muss und auch kein Hindernis für Frieden und Integration.
Vielmehr ist dies nach Durkheim, einem der Väter der Sozialwissenschaft, Vorrausetzung für eine kohärente Gesellschaft. Im Kontext des afghanischen
Konfliktes wird die Ethniezität bewusst als Instrument eingesetzt, um die Kämpfer und die Bevölkerung mit Gefühlen und Emotionen gemeinsamer,
quasi-familiärer Abstammung zu polarisieren. Es geht eher um politische und religiöse Macht, Einfluss und Geld.
Es wird vermutet, dass der amerikanische Geheimdienst CIA als
Hintergrundspender ("back donor") der pakistanischen Armee ISI steht. Der Wunsch beider Länder war ein Ende des Bürgerkrieges zwischen den
Mujaheddin und der kommunistischen Regierung durch eine neue Ordnungsmacht. Pakistan hatte u.a Pläne für den Ausbau der Handelsstraße
Karachi-Quetta-Kandahar-Herat nach Turkmenien und Usbekistan. Der amerikanische Ölmulti UNOCAL hatte große Erdöl - und Erdgasfelder in
Turkmenien prospektiert und Vorverträge für den Ausbau geschlossen. Die Pipeline sollte bis zum persischen Golf gebaut werden. Iran schied als
Transitland wegen den gespannten Beziehungen zur USA aus. Es war naheliegender, den Bau einer Pipeline durch den Westen Afghanistans
durchzuführen. Die amerikanische Regierung stellte als Folge die finanzielle und militärische Hilfe für die Mujaheddin, die sich gegen den Bau der Pipeline
entschlossen hatten, ein, mit dem Glauben, durch die neue Taliban-Regierung ihre Vorhaben verwirklichen zu können.
Zwei Prämissen, die eine Unterstützung der Taliban bedingten sind folgende:
Afghanistan ist strategisches Hinterland für einen potenziellen Waffengang mit Indien (Kaschmirkonflikt). Deshalb war Pakistan daran interessiert, die
Frage nach dem Bestand der Durand-Linie, die die Grenzen zwischen Pakistan und Afghanistan im Südosten festlegt, durch eine genehme
Regierung in Kabul von vornherein zu vermeiden. Die Militärs sahen zudem in Afghanistan eine notwendige "strategische Tiefe", um bei militärischen
Auseinandersetzungen mit Indien bestehen zu können. Pakistans Innenminister Barbars Interesse war es, neue Verkehrswege in die
ressourcenreichen zentralasiatischen Länder zu erschließen. Die kriegerischen Auseinandersetzungen in Afghanistan stellten sich als ein
Hindernis dar, da auf dem Landweg nur der Zugang über Afghanistan möglich ist. Die Taliban waren aufgefordert, die militärischen Hindernisse und lokalen
Zollschranken (Einnahmequellen der lokalen Kommandanten) aus dem Weg zu räumen. Gleichzeitig startete Barbar eine Initiative zur Gründung einer
afghanischen Handels - und Entwicklungsgesellschaft, die der Forderung nach Eröffnung eines Landkorridors zu den Erdgas - und Ölquellen
Zentralasiens Nachdruck verleihen sollte. Pakistans Telecom installierte ein Telefonnetz in Kandahar und integrierte es ins pakistanische.63
2001 kommt es durch die Nordallianz, die einzigen Widerstandskämpfer im
Land gegen die Taliban-Regierung und durch amerikanisch-militärischer Unterstützung zum Sturz des Regimes. Der amerikanische Angriff wurde
bedingt durch den sich in Afghanistan aufhaltenden Top-Terroristen Osama Bin Laden, der für die Anschläge auf das World Trade Center von 2001
verantwortlich gemacht wird. Die Taliban waren nicht gewillt, Osama Bin Laden auszuliefern, da sie u.a. sonst einen ihrer größten Finanzierer und
Unterstützer verloren hätten. Die Nordallianz kehrte nach jahrelangem Widerstand in die Hauptstadt Kabul zurück und nahm sie ein.
Die Folgen der Taliban-Herrschaft sind nicht schwer zu erkennen. Die
Inflationsrate stiegt mit rasender Geschwindigkeit aufgrund des u.a. ungedeckten Gelddrucks. Es kam zum wirtschaftlichen Zusammenbruch. Die
gesamte zivile und demokratische Gesetzgebung und Rechtsprechung wurde abgeschafft. Erhebliche Missachtung der Menschenrechte und die
Unterdrückung der Frauen standen auf der Tagesordnung. Afghanistan ist zu den wichtigsten Zentren der Drogenproduktion in der Welt geworden. 60% der
Weltdrogenproduktion stammen aus Afghanistan. Die größten Einnahmequellen während der Taliban-Herrschaft waren Drogenanbau,
Drogen- produktion, Waffenhandel und Terrorismus.64
Im Dezember 2001 kommt es in der Bundesrepublik Deutschland (Bonn) zur
Afghanistan-Konferenz. Es wird eine Interimsregierung gebildet und ein neuer Regierungschef kommt an die Macht: Der Paschtunenführer Hamid Karzai.
Bei dieser Versammlung wird ein Kabinett aus 29 Mitgliedern aus verschiedenen ethnischen Gruppen gebildet. Es wurde beschlossen, dass
nach 6 Monaten die Loja Dschirga, eine traditionelle Ratsversammlung stattfinden soll, die demokratische Wahlen vorbereitet. Der neue
Regierungschef übernimmt die Amtsgeschäfte des bisherigen Präsidenten und Chef der Nordallianz, Rabbani. Junus Kanuni wird neuer Innenminister,
Abdullah Abdullah der neue Außenminister und als Verteidigungsminister wird der Tadschike M. Fahim gewählt. Zwei Ressorts werden von Frauen
geleitet. Karzai genießt die Anerkennung vieler Gemeinältester der Paschtunen. Außerdem ist der neue Regierungschef mit keiner großen Zahl
von ethnischen und sozialen Gruppen in Afghanistan verfeindet. Ebenso finden sich seine Anhänger bei dem im römischen Exil lebenden ehemaligen
König Zahir Schah. Von 1992-1994 war Hamid Karzai stellvertretender Außenminister der Nordallianz. Er gilt als ein gemäßigter islamisch und
westlich beeinflusster Politiker. Seine politische Denkweise verfolgt eine Mischung aus Modernität und Traditionsbewusstsein. Seine Vorfahren hatten
eine lange Tradition in der öffentlichen Verwaltung. Sein Großvater war Präsident des Nationalrates unter der königlichen Herrschaft Zahir Schahs
und sein Vater war Senator während der Monarchie. Die wichtigsten Ziele der neuen Übergangsregierung ist die Meinungsfreiheit, die Reformierung des
Bildungswesens und die Rechte der Frauen.
Referenzen
| 1 Vgl. Wiebe, D., 1984, S. 102
Vgl. Kraus, W. (Hrsg.), 1972, S. 17ff.3 Vgl. ebd. S. 694
Vgl. Lexikon A - Z, 1990, S. 185 Vgl. ebd. S. 186 Vgl. ebd. S. 18
7 Vgl. Wiebe, D., 1984, S. 978 Vgl. ebd. S. 97
9 Vgl. ebd. S. 9710 Vgl. ebd. S. 97
11 Vgl. Wiebe, D., 1984, S. 9712 Vgl. ebd. S. 98
13 Vgl. ebd. S. 9814 Vgl. ebd. S. 99
15 Vgl. www.wissen.de16
Vgl. Wiebe, D., 1984, S. 12417 Vgl. Kraus, W. (Hrsg.), 1972, S. 16618 Vgl. ebd. S. 166
19 Vgl. Kraus, W. (Hrsg.), 1972, S. 16820 Vgl. ebd. S. 195
21 Vgl. ebd. S. 36822
Vgl. Sarwari, S.M., 1974, S. 10023 Vgl. Knabe, E., 1977, 16424
Vgl. Kraus, W. (Hrsg.), 1972, S. 36825 Vgl. Sarwari, S.M., 1974, S. 10026
Vgl. Kraus, W. (Hrsg.), 1972, S. 36927 Vgl. ebd. S. 37628 Vgl. ebd. S. 376
29 Vgl. Knabe, E., 1977, S. 16430 Vgl. ebd. S. 166
31 Vgl. ebd. S. 16732 Vgl. ebd. S. 167 |
33 Vgl. ebd. S. 17734 Vgl. ebd. S. 168
35 Vgl. Knabe, E., 1977, S. 152ff.36
Vgl. Knabe, E., 1977, S. 15937 Vgl. Kraus, W., 1972, S. 17038
Vgl. Grötzbach, E., 1990, S. 339 Vgl. Kraus, W., 1972, S. 9540
Vgl. Grötzbach, E., 1990, S. 441 Vgl. ebd. S. 442 Vgl. ebd. S. 5
43 Vgl. Grötzbach, E., 1990, S. 644 Vgl. ebd. S. 7
45 Vgl. Grötzbach, E., 1990, S. 746 Siehe Abbildung I
47 Vgl. Grötzbach, E., 1990, S. 848 Vgl. ebd. S. 9
49 Siehe Abbildung II50
Vgl. Grötzbach, E., 1990, S. 1151 Vgl. ebd. S. 1252
Vgl. Kraus, W., 1972, S. 12153 Vgl. Farhang, A., 2001, S. 1 aus: www.afghan-german.de
54 Vgl. ebd. S. 155
Vgl. Farhang, A., 2001, S. 1 aus: www.afghan-german.de56 Vgl. ebd. S. 1
57 Vgl. ebd. S. 258 Vgl. ebd. S. 2
59 Vgl. ebd. S. 560
Vgl. Vollmer, F.-J., 2001, S. 1 aus: www.afghan-german.de 61 Vgl. ebd. S. 262
Vgl. Farhang, A., 2001, S. 2 aus: www.afghan-german.de63
Vgl. Pohly, M., 2001, S. 4 aus: www.afghan-german.de64
Vgl. Vollmer, F.-J., 2001, S. 2 aus: www.afghan-german.de |
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Vorbemerkungen
Anhand der Vorbemerkungen soll festgestellt werden können, welche
Abschnitte von wem verfasst worden sind.
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Frau E. Sevören
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Frau N. Hakimi
|
| Abschnitt 2Abschnitt 3Abschnitt 3.1
Abschnitt 4Abschnitt 4.1Abschnitt 4.2
Abschnitt 4.3Abschnitt 4.4Abschnitt 4.5
Abschnitt 5Abschnitt 5.1Abschnitt 6 |
Abschnitt 7Abschnitt 8Abschnitt 9
Abschnitt 10 |
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Abbildungsverzeichnis
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Abbildung I
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Grötzbach, E.: Afghanistan.Darmstadt:
Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1990, Band 37:Karte I : Provinzgliederung 1982 |
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Abbildung II
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Lexikon der Geschichte.Orbis Verlag 2001:Afghanistan : Geschichtliche Epochen |
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Abkürzungsverzeichnis
| bzw. |
beziehungsweise |
| ca. |
cirka |
| d.h. |
das heißt |
| ebd. |
ebenda |
| ff. |
ortfolgende |
| n. Ch. |
nach Christi |
| S. |
Seite |
| u.a. |
unter anderem |
| v. Ch. |
vor Christi |
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Literaturverzeichnis
Grötzbach, E.: Afghanistan
Wissenschaftliche Buchgesellschaft Band 37, Darmstadt 1990. S. 3 – 12
Kraus, W.: Afghanistan. Natur, Geschichte und Kultur, Staat, Gesellschaft
und Wirtschaft. Horst Erdmann Verlag Tübingen und Basel 1972. S. 17-19, 32-34, 121, 165-175, 195-196, 368-369, 375-380
Knabe, E.; Fischer, L.(Hrsg.): Afghanische Studien: Frauenemanzipation in
Afghanistan. Meisenheim am Glan: Hain 1977. S. 150-189
Lexikon A – Z : International Book Sales Establishment.
Verlag Balsers Lichtenstein 1990. S. 10
http: //www.afghan - german.de
Farhang, A.: Strukturen und Ziele der Taliban. Zur Frage der Staatlichkeit der Taliban. 2001, S. 1-2, 5, Pohly, Dr. M.: Afghanistans Weg in die Katastrophe. 2001, S. 4
Vollmer, F.-J.: Die Taliban und das afghanische Flüchtlingsproblem. 2001, S. 1-2
http://erdkunde - online.de
http://wissen.de
Sarwari, M.-S.: Afghanistan zwischen Tradition und Modernisierung.
Verlag Herbert Lang Bern 1974. S. 100-103
Wiebe, D.: Afghanistan. Ein mittelasiatisches Entwicklungsland im Umbruch.
Ernst Klett Verlag Stuttgart 1984. S. 10, 97-99, 124
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